Die Tafel Bruchsal

Globus hat die Frischegarantie. Das heißt, dass unsere Kunden nur frische Ware vorfinden. Was nicht länger als sechs Tage haltbar ist, wird aus dem Regal genommen. Doch was passiert mit Waren, die scheinbar keiner braucht? Sie kommen in sogenannte Tafelläden. Wie zum Beispiel nach Bruchsal. Ein Besuch.
Arbeits- und Privatleben vereinbaren
Auf einmal herrscht ein emsiges, aber leises Durcheinander im Raum. Die Menschen strömen nach draußen in die Kälte, kommen wieder herein, mit Kisten bepackt. Darin sind Äpfel, Kopfsalate, Orangen, Trauben, Rosenkohl, Kiwis, Birnen, Clementinen, Kartoffelbrote und Schokomüsli.

Um 5.30 Uhr in der Früh startet die Arbeit hier im Tafelladen in Bruchsal. Der Globus Markt in Waghäusel-Wiesental wird mindestens zweimal täglich angefahren. Die Mitarbeiter wissen, wo sie die Waren abholen können. Heute gibt es Obst, Gemüse, Backwaren, Molkereiprodukte und was sonst noch übrig ist. Es sind Ladenhüter. Oder Bruchware. Oder etwa eine aufgerissene Müslipackung. Wenn eine Dose eine Delle hat. Und wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum näher rückt. Denn bei Globus wird nichts mehr verkauft, was nicht länger als sechs Tage haltbar ist.

Der Glückbringer parkt vor dem
Tafelladen in Bruchsal. Selten war
ein Titel so passend. Der Sprinter
bringt Glück. Und Essen dahin, wo
es gebraucht wird.

„Aber selbst wenn das Datum erreicht ist, ist die Ware ja nicht schlecht“, weiß der Tafelladen-Leiter Ulrich Ellinghaus. Im Tafelladen in Bruchsal werden die Lebensmittel, vor allem das frische Obst und Gemüse, akribisch aussortiert. Denn das Prinzip der Tafelmitarbeiter lautet:

Wir verkaufen nichts, was wir nicht selbst mit Genuss verzehren würden.“

So muss der Blumenkohl Blätter lassen, Salatköpfe schrumpfen, matschige Äpfel werden aussortiert. Es sollen jedoch keine Lebensmittel vernichtet werden. Den Rest bekommen Tierparks und ein Gnadenhof. Was für Tiere nicht mehr verwendet werden kann, wandert in eine Biogasanlage. Nur in den Müll kommt hier nichts. Verkauft werden die Waren für 20 bis 25 Prozent des Ladenpreises.

„Ich hatte immer Glück,
war nie einen Tag arbeitslos.“
Den Menschen etwas zurückgeben

Die Menschen arbeiten aus den unterschiedlichsten Gründen bei der Tafel: Manche sind Ein-Euro-Jobber, andere sogenannte Freiwillige, die für einen geringen Betrag hier arbeiten. Dann gibt es noch welche, die Arbeitsstunden ableisten müssen, oder Menschen mit Handicaps. Andere machen ein Sozialpraktikum. Und es gibt die ehrenamtlichen Mitarbeiter, wie auch Gründungsmitglied Ulrich Ellinghaus einer ist. Er wolle etwas zurückgeben, sagt er. „Ich hatte immer Glück, war nie einen Tag arbeitslos“, so Ellinghaus. Also ging er in den Vorruhestand, wollte in zweieinhalb Jahren die Bruchsaler Tafel auf einen guten Weg bringen. Daraus wurden sieben Jahre. Inzwischen beschäftigt die Tafel über 60 Mitarbeiter. „Teamwork ist eine der Grundvoraussetzungen, um hier zu arbeiten“, sagt Ellinghaus, „viel mehr braucht es nicht. Und Motivation natürlich.“

Als er die Idee hatte, einen Tafelladen hier im kleinstädtischen Umfeld zu eröffnen, wurde er belächelt.

„Brauchen wir das überhaupt?“, fragten sich die Bürger. Sie brauchten. Das soziale Gefüge, die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind in der Kleinstadt ebenso gegeben wie in jeder Großstadt. Das Telefon klingelt. Ellinghaus notiert eine Straße und Telefonnummer. Jemand möchte seine alte Schlafzimmergarnitur abgeben. Mitarbeiter werden sie abholen und in den Secondhandshop in Bad Schönborn bringen, in dem auch Kleidung angeboten wird.

Es ist Mittagszeit
Die deutschen Tafeln versorgen regelmäßig
ca. 1,5 Millionen bedürftige Personen, davon:
30%
53%
17%

Kinder und
Jugendliche

Erwachsene im
erwerbsfähigem Alter

Rentner

Der Andrang ist groß. Schon vor Ladenöffnung warten die Bedürftigen in der Eiseskälte.

Nur ein paar Stunden später werden die grünen Körbe, in denen zuvor das Obst und Gemüse lag, leer sein. Im Haus der Begegnung, das nicht weit entfernt von dem Tafelladen liegt, gibt es Mittagstisch für bedürftige Kinder und alte Menschen, die nicht nur von der Armut, sondern auch von der Vereinsamung betroffen sind. Heute gibt es Fisch und Kartoffeln, Salat und Obst. Getränke kann sich jeder nehmen. Auch die kommen von Globus. Es ist wohlig-warm im Raum und riecht nach frisch zubereitetem Essen. Brigitte Limer und Bianca Packe arbeiten ehrenamtlich hier und geben die Speisen aus.

Die Deutschen Tafeln das sind:
knapp die Hälfte
eigenständige e.V.s, gut
die Hälfte Projekte in
Trägerschaft der ver-
schiedensten gemein-
nützige Organisationen
über 880 Tafeln
mit mehr als 2.000
Tafel-Läden und
Ausgabestellen
bundesweit
Dachverband der
Tafeln ist der
Bundesverband
Deutsche Tafel e.V.,
gegründet 1995
über 5.000
Fahrzeuge im
Einsatz
ca. 50.000
ehrenamtliche
Helferinnen
und Helfer

Im Tafelladen geht es zur selben Zeit hoch her. Es ist Haupteinkaufszeit. Tüten werden gepackt, Waren sortiert. Der Tafelladen ist aber nicht nur Supermarkt, sondern bietet auch die Chance für eine Zukunft. Die Mitarbeiter sollen hier fit gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Sabrina zum Beispiel wird bald eine Ausbildung als Verkäuferin beginnen. „Es ist jedes Mal ein Feiertag, wenn wir es schaffen, jemanden unterzubringen“, sagt Ellinghaus und lacht. Bald wird Sabrina ihre grüne Schürze abgeben. Mit der Schürze ist man hier Teammitglied. Egal, aus welchem Grund man hier mitarbeitet. Unterschiede werden nicht gemacht. Die Arbeit gibt manchen auch einen Rahmen. „Die Leute wissen, warum sie aufstehen“, sagt Ellinghaus.

Der oberste Tafel-Leitsatz lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Häufige Fragen:
Übrigens
Erfahren Sie mehr über unsere acht Servicegarantien
Weiter
Was ist ein Tafelladen überhaupt?

Ein Tafelladen verteilt gespendete Lebensmittel und Waren des täglichen Gebrauchs an nachweislich bedürftige Menschen zu stark reduzierten Preisen.

Woher kommt die Idee?

Der Ursprung liegt in Amerika. 1963 wurde der erste Tafelladen in Phoenix, Arizona, gegründet. Man wollte nicht nur Bedürftigen helfen, sondern auch der Lebensmittelvernichtung entgegenwirken. Auch bei uns werden über 20 Prozent aller produzierten Lebensmittel vernichtet und nicht konsumiert.

Wie viele Tafelläden gibt es in Deutschland?

Inzwischen gibt es über 900 Tafelläden mit über 1.500 Ausgabestellen in Deutschland. Sie haben meist verschiedene Träger. Der erste Tafelladen wurde 1993 in Berlin eröffnet.

Sind solche Läden denn wirklich nötig?

Jeder achte Deutsche lebt unter der Armutsgrenze, weitere 13 Prozent können sich nur mit Sozialhilfe über Wasser halten. Immer mehr Vollzeitbeschäftigte verdienen zu wenig, um ihre Familien zu ernähren. Für die Tafelläden gilt: Gut, dass es sie gibt. Besser, wenn es sie nicht geben müsste.

Warum verschenkt man die Ware nicht? Es ist doch sowieso alles gespendet.

Wichtig für die Betroffenen ist, dass es sich hier nicht um Almosen handelt. Denn auch Bedürftige möchten in Würde ihren Beitrag leisten. Darüber hinaus verursacht ein Tafelladen auch Betriebskosten, die gedeckt werden müssen.

Trägt sich ein Tafelladen?

Ein Tafelladen möchte keinen Gewinn erzählen. Er sollte kostendeckend arbeiten. Ein Teil der Einnahmen kommt durch die Verkäufe, der Rest wird über Spenden akquiriert.

Darf im Tafelladen jeder einkaufen?

Nein. Der Tafelladen ist ausschließlich für bedürftige Menschen bestimmt. Wer den Renten- oder Arbeitslosenbescheid vorlegt und sein Einkommen nachweist, bekommt einen Ausweis für den Einkauf bei der Tafel ausgestellt.