Autor
DR. MED. SCHAHIN ALIANI

Kinder- und Jugendarzt in Saarlouis. Er führt zusätzlich weitere Schwerpunkt- und Zusatzbezeichnungen.

Bildschirmzeit für Kinder

Was Eltern über den Umgang mit Medien wissen sollten

Ob Smartphone, Tablet, Spielekonsole oder PC – Bildschirmmedien sind ein unverzichtbarer Teil unserer heutigen Kommunikation und des sozialen Miteinanders. Diese Medien sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, sollten ihn aber nicht beherrschen. Gerade für kleinere Kinder gilt: Weniger ist mehr!

Mutter mit Kindern mit Laptop und Smartphones

Wohl kaum ein Thema rund um den Alltag mit Kindern erhitzt die Gemüter von Eltern, Ärzten, Lehrern und Kindern mehr: Fernsehen, Tablet, Smartphone, Spielekonsole – wie viel ist genug?

Wir Erwachsenen sind oft selbst kein besonders gutes Beispiel, wie die Nutzung von Smartphones zeigt: Längst gehört das Gerät als Kamera, Kommunikationsmittel und Spaßobjekt wie selbstverständlich zu unserem Alltag.

Was wir dabei jedoch nicht vergessen dürfen: Gerade als Eltern sind wir Vorbild für unsere Kinder. Es gilt also nicht nur, sich über den Medienkonsum der Kinder Gedanken zu machen – sondern auch zu reflektieren, welchen Umgang mit Medien wir dem Nachwuchs vorleben wollen.

Hand aufs Herz: Wie viel Fernsehen ist genug?

Wie oft und wie lange Kinder fernsehen dürfen, ist von Familie zu Familie höchst unterschiedlich. Wichtig ist, dass Sie Ihr Kind begleiten, beobachten und gemeinsam über Inhalte sprechen. Die BzgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) empfiehlt in ihrer Broschüre:

  • möglichst kein Fernsehen oder höchstens 20 Minuten pro Tag für Kleinkinder bis 2 Jahre
  • von 3 – 6 Jahren maximal 30 Minuten Medienzeit
  • für 6- bis 10-Jährige bis zu 60 Minuten

Sprechen Sie gemeinsam in der Familie über Medienzeiten und -inhalte und legen Sie Regeln fest, die zu Ihrem Lebensalltag und Ihrer Familie passen.

Mehr Informationen und viele praktische Tipps finden Sie in der Broschüre „Gut hinsehen, gut zuhören, aktiv gestalten. Tipps für Eltern zum Thema ‚Mediennutzung in der Familie‘“, die kostenlos zum Download bereitsteht.

Zur Broschüre

Ein Junge mit Smartphone

Sind Bildschirmmedien wirklich schlecht für Kinder?

Das kommt sowohl auf das Alter der Kinder sowie auf die zeitliche Intensität und die Inhalte der Medien an. Klar ist: Ein übermäßiger Konsum kann die Entwicklung in vielerlei Hinsicht stören:

  • Reduktion der sprachlichen Entwicklung und Empathie-Fähigkeit
  • Störung der Eltern-Kind-Beziehung
  • Anfälligkeit für Mobbing und psychische Erkrankungen
  • hohe Suchtgefahr
  • erhöhtes Risiko für Adipositas (Fettleibigkeit), Schlaf- und Lernstörungen

Inwiefern stören Bildschirmmedien eine gesunde Entwicklung?

Für (Klein-)Kinder gilt: Eine gesunde Eltern-Kind-Beziehung ist der Grundstein für eine gesunde Kindesentwicklung. Diese Beziehung wird durch die übermäßige Nutzung von Bildschirmmedien – gleichgültig welches Familienmitglied sie nutzt – negativ beeinflusst.

Die direkte Interaktion mit real existierenden Menschen mit ALLEN unseren Sinnen ist essentiell für die Kindesentwicklung und hat auf jeder Ebene mehr Informationsgehalt als elektronische Medien. Bildschirmmedien sprechen eben nicht alle Sinne, sondern nur Hören und Sehen an, hemmen den verbalen Austausch und die zwischenmenschliche Interaktion. Kinder verlernen Gesichtsausdrücke, Mimik, Tonfall und Gestik richtig zu deuten.

Dazu ein kleiner Exkurs in die Evolution: Der Mensch ist einfach nicht für den massiven Konsum des 2D-Eindrucks, also des Bildes, gemacht. Die Fotografie gibt es erst seit ca. 200 Jahren. Vorher hat der Mensch alles in Natur und in 3D erleben „müssen“. Aus diesem Grund gefällt uns Ultra-HD besser als HD, weil es näher an 3D ist.

Ein Junge spielt ein Computerspiel

Welche weiteren Folgen eines übermäßigen Konsums kann es geben?

Das Dasein als Jugendlicher ist geprägt von sozialer Anerkennung durch Gleichaltrige und Freunde. Das war vor 100 Jahren so und gilt auch heute noch. Gehört man „nicht dazu“, ist man anfällig für Mobbing, psychische Erkrankungen oder das Abtauchen in digitale Parallelwelten, wie Onlinespiele oder soziale Plattformen.

Einige Jugendliche erzielen ihre im realen Leben nicht erreichten Erfolge durch Videospiele und soziale Medien. Dies verleiht zwar zeitweise ein gutes Gefühl, löst aber nicht die Konflikte, die man nun mal in diesem Alter zu lösen lernen muss. Da gibt es auch keinen Weg des geringsten Widerstands, weder für die Eltern noch den Jugendlichen. Es gehört zum Erwachsenwerden, Konflikte zu lösen. Wer dies nicht erlernt, kann im Entwicklungsstadium des kindlichen Narzissmus stecken bleiben: „die Welt dreht sich nur um mich“.

Dies – gepaart mit den oben beschriebenen Verhaltensstörungen – kann unter weiteren begünstigenden Faktoren zum Prototypen des sofort aggressiven Jugendlichen führen, der auch vor physischer Gewalt nicht zurückschreckt, wenn man „seine Kreise“ stört.

Social-Media-Inhalte handeln hauptsächlich von den Schönen, den Reichen und den Erfolgreichen. Das ist psychologisch nur zu verständlich: Der Mensch will eine „heile Welt“ anschauen, um nicht immer an die eigenen Probleme denken zu müssen. Während man früher dazu ein Buch las oder sich die Folgen einer Soap im TV ansah, hat man heute durch die sozialen Medien rund um die Uhr Gelegenheit dazu. Gerade noch nicht gefestigte Jugendliche sind hier besonders gefährdet, in eine Sucht abzugleiten. Mehr als 1 % aller 13- bis 18-Jährigen haben bereits eine Spielsucht, knapp 4 % sind gefährdet. Sie meinen, ständig präsent sein zu müssen, weil man sonst etwas verpasst. Die Gegenfrage darf gestattet sein: WAS verpasst man denn nachts um 2:00 Uhr?

Auch das Tabuthema Pornografie darf nicht ausgespart bleiben. Wer immer wieder pornografisch oder gewaltverherrlichende Inhalte konsumiert, stumpft emotional ab und verliert sein Einfühlungsvermögen.

Ein Mädchen mit Smartphone

Hat eine übermäßige Bildschirmzeit Auswirkungen auf den Schlaf, das Lernen und das Körpergewicht?

Wer nur vor dem Bildschirm sitzt, bewegt sich häufig nicht mehr ausreichend und neigt zu Übergewicht. Während noch in den 1970ern der durchschnittliche Schulweg für ein Grundschulkind ca. 21 km betrug, liegt er heute bei 800 m. Also selbst der Schulweg kann das nicht mehr retten. Übermäßige Bildschirmzeiten, die über die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfohlenen Zeiten hinausgehen (siehe oben), erhöhen das Adipositasrisiko um 13 %. Zusätzlich spielt natürlich die Ernährung noch eine wichtige Rolle.

Wer dauernd anregende und aufregende Online-Inhalte konsumiert und dies auch noch kurz vor dem Schlafengehen, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Schlafstörungen. Eine Studie konnte zeigen, dass bereits 1 h Bildschirmzeit am Tag bei 2- bis 6-Jährigen zu einer deutlichen Schlafreduktion führen kann.

Daraus folgt das nächste Problem: Wer nicht schläft, ist nicht leistungsfähig, weder in der Schule noch bei der Arbeit.

Gibt es Vorteile?

Es gibt keine Evidenz dafür, dass der Medienkonsum lernfördernd auf wichtige Teilbereiche des Lernens, wie z. B. die Merkfähigkeit, wirkt. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich kindgerechte Apps und Serien, die gewisse Interessen und Fähigkeiten der Kinder aufgreifen und zum Mitmachen anregen.

Ein Mädchen mit Smartphone

Worauf sollte ich beim Umgang mit Medien achten?

Der Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte Deutschland (BVKJ) hat dazu alltagstaugliche und praktikable Empfehlungen veröffentlicht:

  • Machen Sie sich bewusst: Sie sind Vorbild für Ihr Kind, es wird Sie nachahmen.
  • Verwenden Sie selbst technische Geräte zielorientiert und nicht aus Langeweile.
  • Essen Sie ohne Bildschirmmedien und nutzen Sie Bildschirmmedien, ohne zu essen.
  • Ermöglichen Sie gesunden Schlaf: Bildschirmfreie Einschlafrituale und bildschirmfreie Schlafräume sind dafür notwendig.
  • Nutzen Sie Bildschirmmedien nicht zur Belohnung, Bestrafung oder Beruhigung.
  • Sorgen Sie in der Freizeit für mehr Bewegungszeit als Bildschirmzeit.
  • Wählen Sie ruhige, altersgerechte Fernsehsendungen ohne Gewalt aus; überlassen Sie die Fernbedienung nicht Ihren Kindern.
  • Stellen Sie klare Regeln auf und begrenzen Sie die Bildschirmmediennutzungszeit von Handy und Fernsehen vor dem Einschalten. Besprechen Sie diese mit Ihrem Kind, zum Beispiel mithilfe eines Handynutzungsvertrages.
  • Sprechen Sie mit Ihrem Kind über Datenschutz, soziale Medien, Gewalt, Pornografie, Glücksspiel und beginnen Sie damit, bevor Sie ihm einen eigenen Internetzugang ermöglichen.
  • Erlauben Sie sich und Ihrem Kind, auch unerreichbar zu sein.

Unser Linktipp

www.schau-hin.info

Hier finden Sie ein Informationsportal für Familien rund ums Thema Medienerziehung – mit Tipps zu Bildschirmzeiten, App- und Website-Empfehlungen und viel Expertenwissen.

Unsere Gesundheitskooperation

Autor
DR. MED. SCHAHIN ALIANI

Kinder- und Jugendarzt in Saarlouis. Er führt zusätzlich weitere Schwerpunkt- und Zusatzbezeichnungen: Kinder Onkologie/Hämatologie, Naturheilverfahren, Ernährungsmedizin, sowie das Akupunktur A Diplom, psychosomatische Grundversorgung, Asthmatrainer

KVS und Globus Gesundheitskooperation

Kassenärztliche Vereinigung Saarland

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Jeden Monat finden Sie auf den Seiten des Weltentdecker Clubs, des Kinderclubs von Globus, unter der Rubrik "Gesundheit & Ernährung" einen aktuellen Beitrag von Fachärzten zu relevanten Themen rund um die Gesundheit Ihres Kindes.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

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