Autor
DR. MED. HAGEN REICHERT

Kinder- und Jugendarzt in Homburg/Saar und Dozent für Pädiatrie an der Universität des Saarlandes.

Erste Hilfe für Kinder

Was tun im Notfall?

Manchmal geht es schneller, als man denkt: Im Alltag mit Kindern passieren immer wieder kleinere und größere Unfälle. Vieles können wir als Eltern nicht verhindern, aber uns darauf vorbereiten. Kinderarzt Dr. Hagen Reichert erklärt, worauf es ankommt.

Kind versucht Topf auf dem Herd zu greifen

Notfälle bei Kindern gehören zum Alltag des Kinderarztes und jeder von uns Eltern (auch ich bin dreifacher Vater) wird sich erinnern, den einen oder anderen kleineren oder größeren Notfall bei Kindern selbst schon erlebt zu haben. Eins ist klar: Selbst das beste Aufpassen und die größte Vorsicht werden Unfälle nicht immer verhindern können. Wenn es dann aber mal passiert, sind wir gefragt, müssen reagieren, und dann ist es schon ein Unterschied, ob wir auf solche Situationen vorbereitet oder hilf- und ratlos sind. Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Natürlich kann und wird dieser Artikel keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellen, denn über Notfälle im Kindesalter gibt es informative Bücher. Er soll vielmehr einige aus meiner täglichen, kinderärztlichen Sicht typische Situationen ansprechen und vor allem einen Anstoß geben, sich selbst noch mal intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Kind spielt an Steckdose

Prävention

Der beste Unfall ist der, der gar nicht erst passiert. Bedeutet: Vorbeugung ist ein ganz zentraler Begriff. Und hier können wir durchaus schon viele sinnvolle Dinge tun.

Elektrizität: Sind alle Steckdosen im Haus mit Kindersicherungen versehen? Nicht nur bei Kleinkindern, auch bis ins Schulalter hinein habe ich erlebt, dass Kinder herausfinden wollten, was passiert, wenn man zum Beispiel eine aufgebogene Büroklammer in die Steckdose hineinsteckt.

Medikamente und Putzmittel: Sind Medikamente und Putzmittel sicher verwahrt, sodass die Kleinen nicht bis zu ihnen vordringen können? Nur so lassen sich schlimme Vergiftungen und Verätzungen vermeiden.

Genussmittel: Zigaretten und Alkohol sollten ebenfalls außerhalb der Reichweite von Kindern verwahrt werden. Auch Kippenstummel sollten nicht im Aschenbecher liegen bleiben – das alles haben Kleinkinder schon in den Mund genommen und verschluckt. Ganz abgesehen davon, dass ich als Kinderarzt dringend davon abrate, überhaupt in der Wohnung zu rauchen, wenn Kinder im Haushalt leben!

Pflanzen: Vieles, was in unseren Gärten grünt und blüht, ist zwar schön anzusehen, aber hochgiftig. Ein Beispiel? Die Eibe. Bis auf den Fruchtmantel der Samen sind sämtliche Teile dieser Pflanze so giftig, dass bei der Einnahme durch ein Kind akute Lebensgefahr besteht, da schwerste Herz-Kreislauf-Komplikationen drohen. In Gärten, in denen Kleinkinder spielen, oder gar als Zier- und Heckenpflanze in Kindergärten und Schulen hat diese Pflanze definitiv nichts zu suchen. Neben sehr guten Büchern über Giftpflanzen geben diesbezüglich die Homepages verschiedener Giftnotrufzentralen sehr gute Auskünfte.

Umweltfaktoren wie Hitze und Sonne: Ein eigentlich selbstverständliches Thema und dennoch von großer Bedeutung. Wer einmal das Vollbild einer Insolation („Sonnenstich“) bei einem Kind mit Schläfrigkeit und Bewusstseinstrübung gesehen hat und selbst als Kinderarzt erst mal nicht entscheiden konnte, ob das jetzt noch Sonnenstich oder doch schon eine beginnende Hirnhautentzündung (Meningitis) ist, weiß den Wert einer Kopfbedeckung zu schätzen. Auch Sonnenschutz und ausreichende Flüssigkeitszufuhr sind bei den geradezu tropischen Temperaturen der vergangenen Sommer absolut unentbehrlich und helfen, Notfälle zu vermeiden.

Impfungen und Reiseapotheke: Auch wenn die Corona-Virus-Pandemie viele Reiseplanungen über Bord geworfen hat, wurde auch diesen Sommer viel gereist und es wird ganz sicher eine Zeit „nach Corona“ geben, in der die altbekannte Reiselust der Deutschen wieder voll erwacht. Schon Goethe, der selbst das Reisen liebte, bemerkte: „Unvorbereitetes Wegeilen bringt unglückliche Wiederkehr“. Das gilt bis heute unverändert. Von daher: Insbesondere Reisen mit Kindern sollten gut vorbereitet sein, es sollten die nötigen Impfungen durchgeführt werden und eine vernünftig zusammengestellte Reiseapotheke gehört ebenfalls dazu. Ansprechpartner sind Ihre Kinder- und Jugendärzte, die bei komplexeren Fragestellungen auch an einen spezialisierten Reisemediziner verweisen werden.

Eigene Kompetenzen und Ressourcen

Dahinter steckt nichts anderes als die Frage: Was kann ich schon selbst tun und was kann ich zu Hause vorhalten, um bei einem Notfall möglichst gut vorbereitet und ausgestattet zu sein?

Erste Hilfe Kurs für Eltern

Erste-Hilfe-Kurs

Viele gemeinnützige Träger, die im Rettungsdienst tätig sind, bieten Kurse wie „Erste Hilfe am Kind“ an. Prima, machen Sie‘s! Der Unkostenbeitrag ist meistens sehr moderat und Sie werden sich nach einem solchen Kurs deutlich sicherer fühlen.

Notfallmedikamente

Niemand wird verlangen, dass Sie einen komplett ausgerüsteten Notfallkoffer oder „eine halbe Apotheke“ zu Hause vorhalten. Aber eine kleine Hausapotheke kann schon sehr hilfreich sein. Das fängt bei Pflastern und ein paar Päckchen steriler Wundauflagen an und geht bis zu Medikamenten, wie zum Beispiel gegen Fieber oder bei entsprechender Neigung gegen Krämpfe oder Kruppanfälle. Auch hier sind die Kollegen der Kinderheilkunde Ihre kompetenten Ansprechpartner.

Notrufnummern

Notruf

Im digitalen Zeitalter sollte man Notrufnummern ganz einfach auf dem Handy gespeichert haben oder auf einem Zettel sofort greifbar haben. Wichtigste Nummer ist die „112“.

Giftnotruf

In Deutschland gibt es zahlreiche Giftnotrufzentralen, deren Nummern Sie sehr leicht über das Internet erfahren können. Wenn Kinder etwas potenziell Giftiges verschluckt haben oder selbst, wenn nur der Verdacht besteht: Rufen Sie an, informieren Sie sich!

Hier haben wir alle Giftnotrufnummern zusammengestellt.

Giftnotrufnummern

Ärztlicher Bereitschaftsdienst

Für nicht lebensbedrohliche Fälle gibt es die bundesweit gültige Servicenummer „116117“, die an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr besetzt ist. Sie werden automatisch mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst in Ihrer Nähe verbunden. Im Gespräch kann dann entschieden werde, welche Maßnahmen Sie zu Hause ergreifen, ob ein Kind in der kinderärztlichen Bereitschaftsdienstpraxis vorgestellt werden muss oder ob sofort der Notarzt zu alarmieren ist.

Typische Notfallsituationen

Abschließend möchte ich auf einige typische Notfallsituationen des Kindesalters konkret eingehen. Hier erfahren Sie in Kürze, worauf es in solchen Situationen ankommt.

Ein im wahrsten Sinne des Wortes „heißes“ Thema. Auch hier ist an allererster Stelle die Prävention zu nennen: Ein banales Herdschutzgitter, das in jedem Kinderhaushalt installiert sein sollte, kann so viel Gutes bewirken. In meiner Zeit als Notarzt und Intensivdoktor musste ich leider sehr schlimme Verbrühungen sehen, wenn Kinder Töpfe mit kochendem Wasser oder mit siedendem Fett vom Herd heruntergezogen haben, und der Inhalt dann im Gesicht-Schulter-Hals-Bereich landete. Auch Streichhölzer, Feuerzeuge und leicht entflammbare Flüssigkeiten gehören sicher verwahrt. Grundsätzlich gilt: Sollte Kleidung in Brand geraten sein oder von heißer Flüssigkeit durchtränkt sein: Sofort entfernen! Kühlen sollte man, aber nicht zu heftig und nicht zu lange, sonst riskiert man zusätzliche Kälteschäden. Es muss nicht gleich Eis sein, kühle Umschläge lindern und wirken auch. Sollten größere Areale betroffen sein oder eine besonders schwere Verbrühung oder Verbrennung vorliegen, ist der Notarzt zu alarmieren. Kleinere Verletzungen, die lediglich mit einer Rötung einhergehen, kann man erst mal uns Kinderärztinnen und Kinderärzten zeigen. Da Hitzeverletzungen meist extrem schmerzhaft sind, darf in jedem Fall ein in der Hausapotheke vorhandenes Schmerzmittel gegeben werden (die oft vorhandenen „Fieberzäpfchen“ mit Paracetamol oder Ibuprofen wirken auch schmerzlindernd).

Der Krupp, manchmal auch Pseudokrupp genannt („Pseudo“, weil man früher unter dem „echten“ Krupp den lebensbedrohlichen Diphtherie-Krupp verstand, der Dank der Impfung heute weitestgehend verschwunden ist), ist eine akute, durch Viren hervorgerufene Entzündung von Kehlkopf und Luftröhre. Hauptsymptome: Ein sehr auffälliger „bellender“ Husten, „pfeifendes“ Atemgeräusch beim Einatmen des Kindes, Luftnot. Was tun? Ruhe bewahren, keine Panik! Kind beruhigen: Je ruhiger es atmet, desto besser wird es Luft bekommen! Wenn ein Cortison Zäpfchen für Kinder im Haus ist: Geben Sie es! Sie können eigentlich nichts falsch machen damit. Kind in eine Decke oder einen Bademantel wickeln und an die frische, kühle Luft gehen (Terrasse, Balkon etc.), auch das wird lindernd wirken.

Fieber per se ist erst mal kein Notfall. Was für uns zählt, ist der Allgemeinzustand des Kindes. Bedeutet: Ein Kind, das 40°C Temperatur hat, dabei aber einen recht munteren Eindruck macht, ist nur wegen der Höhe dieses Fiebers erst mal kein Notfall für uns. Ein Kind mit einer Temperatur von 38,5°C, das sehr schlecht aussieht, blass und apathisch, ist für uns sehr wohl ein Notfall. Manche Kinder haben genetisch bedingt eine Neigung dazu, bei Fieber einen Krampfanfall zu erleiden (Fieberkrampf). Wenn dies zum ersten Mal auftritt, wird das für die Eltern sehr dramatisch wirken. Die Prognose ist aber gut. Es gilt, Ruhe zu bewahren und den Rettungsdienst zu alarmieren. Bei Kindern, bei denen Fieberkrämpfe schon bekannt sind, werden die Eltern in aller Regel ein Notfallmedikament vorhalten und dies auch sofort verabreichen.

Keuchhusten als Krankheitsbild kann prinzipiell durch zwei Erreger hervorgerufen werden: den Pertussis- und den Parapertussis-Erreger. Gegen den „echten“ Keuchhusten (Pertussis) sollten Kinder heutzutage geimpft sein, gegen Parapertussis gibt es leider keine Impfung. Das Gefährliche an diesem Krankheitsbild ist, dass es zu Apnoe-Attacken kommen kann (sprich: das Kind hält die Luft an), die beim Säugling sogar lebensbedrohlich sind. Bei ersten Anzeichen dieser Erkrankung ist sofort der Kinderarzt zu konsultieren, bei Apnoe-Attacken auch sofort der Notarzt.

Infektiöse Darminfektionen tragen über die damit verbundene Austrocknung ganz erheblich zur Säuglingssterblichkeit in der Dritten Welt bei. Bei uns sollte dank Krankenhäusern und Infusionslösungen kein Kind daran versterben. Dennoch sollte man erkennen, wo der Austrocknungsnotfall beginnt: Das Kind ist blass, hat trockene Schleimhäute, eingefallene Augen, wirkt müde und apathisch. Sollte es trotz aller Versuche der Flüssigkeitszufuhr so weit gekommen sein, sind Klinik und evtl. auch Notarzt angesagt.

Ingestionsunfall heißt, ein Kind hat etwas verschluckt (hier sind kleine Batterien und Münzen sehr beliebt…), gegessen oder getrunken, was gefährlich werden kann. Kontaktieren Sie sofort den Giftnotruf, selbst bei Verdacht!

Hier handelt es sich in der Regel, wie oben beschrieben, um eine Ingestion (Verschlucken), im Einzelfall (schauen Sie mal unter „Riesenbärenklau“ nach) kann selbst eine Berührung schon gefährlich sein. Unterschätzen Sie diese Gefahr nicht: Ich habe selbst erlebt, dass Kinder in einem normalen Hausgarten Pilze gefunden und gegessen haben, die in ihrer Giftigkeit durchaus mit dem berüchtigten Knollenblätterpilz vergleichbar waren. Auch hier: sofort den Giftnotruf wählen!

Kleine Verletzungen und Kratzer werden in aller Regel zu Hause behandelt: Wundreinigung, Desinfektion, Pflaster drauf. Für größere oder tiefe Wunden sollte man sterile Wundauflagen (Kompressen) vorhalten, um damit die Wunde zu komprimieren, bis sie chirurgisch versorgt wird (hat man so etwas nicht im Haus, tut es notfalls auch ein frisch gewaschenes Taschentuch oder ein Küchentuch). In den seltensten Fällen kommt es bei Kindern zu spritzenden Verletzungen, die ein beherztes Abdrücken der Wunde erfordern würden.

Die Kopfplatzwunde kann sehr stark bluten, ist aber oft nicht sehr schlimm und chirurgisch gut zu versorgen. Hier interessiert uns vielmehr: Hat das Kind neurologische Symptome? Bedeutet: War es bewusstlos? Hat es erbrochen? Klagt es über pochende Kopfschmerzen, über Schwindel oder Sehstörungen? Dann ist in jedem Fall eine stationäre Überwachung notwendig!

Der Insektenstich, auch durch Biene, Wespe oder Hornisse, ist in der Regel kein Notfall. Er kann es aber werden, wenn eine allergische Reaktion ausgelöst wird oder wenn der Stich an einer Körperstelle erfolgt, bei der die Schwellung zum Risiko wird (zum Beispiel Stich im Rachen, wenn eine Wespe im Getränk war). Wenn verfügbar, können in solchen Fällen evtl. vorhandene Antiallergika gegeben werden, auch das für den Krupp vorgehaltene Cortison Zäpfchen kann hier wertvolle Dienste leisten. In jedem Fall ist schnellstens ein Arzt, auch der Notarzt, zu konsultieren.

Ein Zeckenbiss ist erst mal kein „echter“ Notfall: Die Zecke gehört schnellstmöglich und schonend entfernt, das Hautareal des Bisses sollte mehrere Wochen beobachtet werden, um bei einer Rötung sofort eine Therapie einzuleiten.

Hat ein Kind einen Stromschlag erlitten, ist die ganz entscheidende Frage: Ist es ansprechbar und bei Bewusstsein oder ist es bewusstlos? Im ersten Fall sollte zwar eine Arztpraxis oder ein Krankenhaus aufgesucht werden, eine lebensbedrohliche Situation besteht dann aber augenscheinlich nicht. Ganz anders ist dies beim bewusstlosen Kind: Hier muss nach Prüfung der sogenannten Vitalzeichen (Atmung und Puls) evtl. sofort mit einer Reanimation (Wiederbelebung) begonnen werden. In einem Erste-Hilfe-Kurs lernen Sie, wie es geht!

Sie können in ganz unterschiedlicher Ausprägung auftreten: Heuschnupfen, entzündete Augen, allergisches Asthma. Lebensbedrohlich können sie dann werden, wenn eine schwere, allergische Sofortreaktion auftritt, eine Anaphylaxie. Ein äußerst beliebter Auslöser für eine solche Anaphylaxie ist zum Beispiel die Erdnussallergie. Hier ist nicht zu zögern, sondern sofort der Notarzt zu alarmieren. Bis zu seinem Eintreffen sollte man sich bemühen, das Kind zu beruhigen und die Atemwege freizuhalten. Manche Allergiker führen sogar einen Adrenalin-Notfallinjektor mit sich. Ist ein solcher vorhanden, sollte er frühestmöglich angewendet werden.

Unsere Gesundheitskooperation

Autor
DR. MED. HAGEN REICHERT

Dr. Reichert ist Arzt für Kinder- und Jugendmedizin mit dem Schwerpunkt Kinderkardiologie in Homburg/Saar und Dozent für Pädiatrie an der Universität des Saarlandes. Nach langjähriger Tätigkeit in der Giftnotrufzentrale des UKS Homburg war er 12 Jahre lang Obmann der Notdienstpraxis für Kinder und Jugendliche in Homburg. Er besitzt die Fachkunde „Arzt im Rettungsdienst“ und ist neben seiner Praxistätigkeit regelmäßig als Vertragsarzt für das Regional Health Command der United States Army in Landstuhl und als Reservearzt im Rang eines Oberfeldarztes im Sanitätsdienst der Bundeswehr tätig.

KVS und Globus Gesundheitskooperation

Kassenärztliche Vereinigung Saarland

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Jeden Monat finden Sie auf den Seiten des Weltentdecker Clubs, des Kinderclubs von Globus, unter der Rubrik "Gesundheit & Ernährung" einen aktuellen Beitrag von Fachärzten zu relevanten Themen rund um die Gesundheit Ihres Kindes.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

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