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WERNER MEIER

Niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Saarbrücken-Dudweiler in einer Praxisgemeinschaft mit seiner Frau.

Wie viel Zucker ist genug?

Was Eltern über den Verzehr von Zucker wissen sollten

Über Zucker und die Folgen „unkontrollierter Aufnahme“ wird immer häufiger diskutiert. Vor allem Eltern fragen sich: Wie viel Zucker ist okay? Der Kinder- und Jugendarzt Werner Meier hat die Antworten.

Zuckerwürfel

Was verstehen wir unter Zucker?

Kohlenhydrate sind neben Fett und Eiweiß ein wichtiger Grundbestandteil unserer Ernährung und bestehen aus Zuckermolekülen. Je nach Anzahl der Zuckermoleküle werden Kohlenhydrate unterteilt. Traubenzucker und Fruchtzucker sind sogenannte Einfachzucker, die nur aus einem Zuckermolekül bestehen. Zweifachzucker sind z. B. Milchzucker und Haushaltszucker.

Stärke und Cellulose bestehen aus mehr als zehn Zuckermolekülen und werden deshalb als Vielfachzucker bezeichnet. Beispiele für Lebensmittel mit solchen komplexen Zuckerbausteinen sind Getreide, Mais, Reis, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Eine einfache Regel lautet: Je mehr Zuckermoleküle ein Kohlenhydrat enthält, desto weniger süß schmeckt es und umso langsamer wird es im Körper verwertet.

Um die süß schmeckenden Einfach- und Zweifachzucker, die rasch im Körper anfluten, soll es im Folgenden gehen – also die Kohlenhydrate, die landläufig als Zucker bezeichnet werden.

Haben wir ein Problem mit Zucker?

Geprägt durch unsere Evolution haben die meisten Menschen wie auch viele Tiere ein natürliches Verlangen nach Süßem. Zucker in Reinform kommt in der Natur aber selten vor, hauptsächlich in Früchten, wo die Pflanzen dieses natürliche Verlangen zur Weiterverbreitung ihrer Samen ausnutzen. Und weil reiner Zucker so selten ist, gibt es bei uns keine eingebaute Bremse, die diesem Verlangen eine Grenze setzt. Hier beginnt das Problem.

Ein Junge mit einem Keks

Bedürfnisse wollen befriedigt werden

Das Verlangen nach Süßem nutzt die Nahrungsmittelindustrie für die Herstellung süß schmeckender Produkte. Während früher Honig nur in begrenztem Maße zur Verfügung stand und Zucker bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein Luxusprodukt war, wird er heute industriell in großem Maßstab hergestellt und ist sehr billig verfügbar. Dementsprechend findet sich Zucker auf der Zutatenliste sehr vieler Nahrungsprodukte.

Zu unrühmlicher Bekanntheit hat es vor einigen Jahren zuckerhaltiger Babytee gebracht. Durch Dauernuckeln dieser Tees kam es rasch zu einer massiven Karies der vorderen Schneidezähne. Zum Glück sind zuckerfreie Tees verfügbar, ein Blick auf die Zutatenliste ist deshalb ein Muss. Aber auch anderen Produkten wie Babykeksen und Getreidebreien kann Zucker zugesetzt sein, was schon früh zur Gewöhnung an Süßes führt.

Im Kleinkindalter geht es weiter, denn in vielen sogenannten „Kinderprodukten“ finden sich größere Mengen Zucker. Das schließt Joghurts mit rund 15 % Zucker ebenso wie Desserts und etliche Frühstückscerealien ein. In diesem Alter kommen schon zuckerhaltige Erfrischungsgetränke ins Spiel. Diese werden später ein großes Problem: Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist der Konsum zuckergesüßter Getränke und damit die Zufuhr zugesetzten Zuckers besonders hoch. Insbesondere in diesen Altersgruppen könnte durch einen verringerten Konsum derartiger Getränke das Risiko für deutliches Übergewicht (Adipositas) und in der Folge Diabetes mellitus Typ II (volkstümlich „Zuckererkrankung“) gesenkt werden.

Woran erkenne ich Zucker in der Zutatenliste?

Neben den eigentlichen Süßigkeiten enthalten auch sehr viele andere Nahrungsmittel freien Zucker. Auf der Zutatenliste, die in absteigender Reihenfolge den Mengenanteil der Inhaltsstoffe angibt, ist Zucker gelegentlich gut getarnt. Wird er teilweise durch Glukosesirup, Isoglukose, Maltodextrine oder andere Süßmacher wie Honig, Dicksäfte, Rosinen und Fruchtkonzentrate ersetzt, ist die Menge pro Zuckerart geringer und sie rutschen in der Zutatenliste trotz unveränderter Gesamtzuckermenge nach hinten.

Insgesamt ist bei Erwachsenen der Pro-Kopf-Verbrauch pro Jahr nur an Weißzucker von 27,4 kg im Jahr 1955/56 auf mittlerweile 34,6 kg angestiegen. Hinzuzurechnen sind noch stetig steigende Mengen an Glukose und Isoglukose, zuletzt nahezu 10 kg pro Jahr und Kopf.

Wofür ist Zucker nicht verantwortlich?

Auch wenn viele Eltern angeben, beobachtet zu haben, dass nach erhöhtem Zuckergenuss ihre Kinder sehr unruhig sind oder aufdrehen, ist der Zusammenhang zwischen Zucker und Verhaltensstörungen nach mehreren Studien eher unwahrscheinlich.

Zucker in der Nahrung ist auch nicht die Ursache des Diabetes mellitus Typ 1 (die „Zuckererkrankung“ des Kindes- und Jugendalters). Dies ist eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper eigene Zellen angreift und vernichtet – die Inselzellen der Bauchspeicheldrüse, die das Insulin produzieren. In der Folge kann der Körper den Blutzuckerspiegel nicht mehr regulieren und es entwickelt sich das Krankheitsbild des Diabetes mellitus Typ 1.

Ein Junge beim Zahnarzt

Welche Auswirkungen hat der Zuckerkonsum?

Im Zusammenspiel mit Bakterien der Art Streptococcus mutans ist eine ursächliche Mitwirkung von Zucker bei der Entstehung von Zahnkaries heute unumstritten.

Eine zuckerreiche Ernährung begünstigt deutliches Übergewicht (Adipositas). Ein Grund dafür ist eine vermehrte Insulinproduktion des Körpers. Das Hormon Insulin ist notwendig zur Senkung des von den Kohlenhydraten verursachten Blutzuckeranstiegs. Gleichzeitig reduziert es die Fettverbrennung und fördert den Aufbau von Fettdepots – vor allem bei Übergewichtigen.

Adipositas ist mittlerweile sehr häufig und gilt als ein Hauptrisikofaktor für die Entstehung des Diabetes mellitus Typ 2, für Bluthochdruck, Fettstoffwechselveränderungen und kardiovaskuläre Krankheiten. Ferner geht sie mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Krebskrankheiten, hormonelle Störungen, Lungenerkrankungen, gastrointestinale Krankheiten sowie degenerative Krankheiten des Bewegungsapparates einher. Folgeerkrankungen einer Adipositas begünstigen zudem erhebliche – auch psychosoziale – Einschränkungen.

Wie schon oben erwähnt, stehen hier besonders zuckergesüßte Getränke im Fokus, die in der Regel ohne Probleme durch kohlenhydratfreie Getränke ersetzt werden könnten.

Ein Mädchen isst Cornflakes

Wie viel Zucker ist genug?

Seit 2015 empfiehlt deshalb die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, die Aufnahme freier Zucker sowohl für Erwachsene als auch für Kinder auf 10 % der täglichen Energiezufuhr zu beschränken – und das ist eine „strong recommendation“! Wünschenswert wäre es nach der WHO, die Zuckeraufnahme sogar weiter auf 5 % zu reduzieren. Unter freiem Zucker werden neben dem „üblichen“ Zucker auch Honig, Sirup und Säfte erfasst. Das entspräche ca. 25 g Zucker pro Tag pro Kind und ca. 50 g Zucker pro Erwachsener pro Tag.

Da man davon ausgehen muss, dass die Zuckergehalte der verschiedensten Nahrungsmittel nicht ohne Weiteres von den Herstellern reduziert werden, bleibt einem nur der Blick auf die Zutatenliste und vor allem auf die Nährwertangaben, wo unter anderem Kohlenhydrate und Zucker aufgelistet sind. Und die Aufgabe, daraus die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen und seine Ernährungsgewohnheiten und die der Kinder entsprechend anzupassen!

Die Ernährungspyramide

Eine Hilfe hierbei kann die sogenannte Ernährungspyramide sein. Man findet sie und das zugrunde liegende Ernährungskonzept unter anderem auf den Internetseiten des Bundeszentrums für Ernährung (BzfE).

Unsere Gesundheitskooperation

Autor
WERNER MEIER

Werner Meier ist seit 2000 niedergelassen als Kinder- und Jugendarzt in Saarbrücken-Dudweiler in Praxisgemeinschaft mit seiner Frau.

Studium an der Universität Homburg/Saar, Ausbildung um Facharzt in Schwäbisch Gmünd und Dortmund, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte.

KVS und Globus Gesundheitskooperation

Kassenärztliche Vereinigung Saarland

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Jeden Monat finden Sie auf den Seiten des Weltentdecker Clubs, des Kinderclubs von Globus, unter der Rubrik "Gesundheit & Ernährung" einen aktuellen Beitrag von Fachärzten zu relevanten Themen rund um die Gesundheit Ihres Kindes.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

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