Belgische Biervielfalt

Belgische Biervielfalt

Achtung, bierkundiger Nachbar!

Der deutsche Biermichel mag auf seine Biertradition vielleicht besonders stolz sein, aber mindestens ebenso spannend und an Vielfalt deutlich reicher ist die Bierwelt Belgiens. Wer Belgien für einen mausgrauen EU-Beamtensitz mit gelb beleuchteten Autobahnen hält, unterschätzt unseren Nachbarn restlos.

Bier hat in Belgien traditionell einen hohen Stellenwert und wird entsprechend zelebriert: In den urigen Bierbars, den BierCafès, wie der Belgier sagt, gibt es Bierkarten, so dick wie Bücher und werden Biere in unterschiedlichsten, die Aromen perfekt zu Geltung bringenden Gläsern serviert. Ein schneller Blick also auf die wichtigsten Bierstile Belgiens:

Wit

Im Grunde ist das Wit, auch „bière blanche“, deutsch: „weißes Bier“, die belgische Variante des deutschen bzw. bayerischen Weißbier. Allerdings mit zwei entscheidenden Unterschieden: Beim Wit verwenden Brauerinnen und Brauer neben Weizenmalz auch einen beträchtlichen Anteil „Rohfrucht“, also unvermälztes Getreide. Und: Zum Wit gehören unbedingt Korianderkörner und Curacao Orangenschalen, die in der Würze mitkochen. Der Hopfen spielt eine untergeordnete Rolle. Die Idee, Bier mit Gewürzen zu versetzen, stammt von den Holländern. Das Wit ist – ähnlich wie die Berliner Weisse – als Bierstil dem Tod nur knapp vom Schippchen gesprungen. In den 1950ern schloss die letzte, reine Wit-Brauerei ihre Tore, weil das Bier sich nicht mehr gute verkaufte. 1966 erlebte es dann allerdings ein Revival durch den Milchmann Pièrre Celis, der ein traditionelles Witbier-Rezept nachbraute und unter dem Namen Hoegaarden verkaufte.

Saison

Was bei vielen belgischen Bieren auffällt: Hopfen ist hier gar nicht mal so sehr das große Ding. Bei belgischen Bieren spielen oftmals die Hefen die Musik. So etwa beim Saison (manchmal Farmhouse Ale genannt). Das hat seinen Namen daher, dass es früher das Bier von und für die Saison-, die Feldarbeiter war. Die haben es in den Wintermonaten gebraut, wenn auf den Äckern weniger zu tun war. Ursprünglich war es ein helles, ausnehmend trockenes Bier mit einer pfeffrigen Schärfe und dem bezeichnenden, fruchtigen Aroma der Saisonhefe. Aber das wie gesagt nur ursprünglich: Das Saison ist ein zunehmend beliebter Bierstil bei kreativen Brauern der Craft Beer Szene – und die gehen sehr kreativ mit dem Stil um. Moderne Interpretationen sind in der Regel deutlich alkoholhaltiger als das Ur-Saison und oft auch dunkler.

Dubbel, Tripel, Quadrupel

In Belgien, nicht anders als in Deutschland, liegt ein Teil der Bier- und Brautradition in den Klöstern des Landes begründet. Unter den belgische Abteibiere haben vor allem die der Trappistenmönche einen famosen Ruf. Das Dubbel ist ein typischer Abtei-Stil: dunkel, aber weder süß-mastig, noch röstig-bitter. 1856 brauten die Mönche des Trappistenklosters in Westmalle (im Norden Belgiens) ein starkes Bier mit Pilsener Malz und etwas Karamellmalz. Das Rezept wurde 1926 als Vorlage für ein noch stärkeres Bier genommen, das mit karamellisiertem Zucker nachvergoren wurde und damit satte 7 % Vol. kam. Das Westmalle Dubbel ist das Bier, das den Bierstil bis heute definiert. Entscheidend ist der richtige, belgische Hefestamm gepaart mit einer sehr sorgsam geführten Gärung, die es der Hefe erlaubt, gemächlich und über einen langen Zeitraum hinweg zu wirken und ihre fruchtigen Ester und würzigen Phenole zu produzieren.

Das Tripel ist der hellere, noch stärkere große Bruder dessen. Auch das geht auf die Mönche von Westmalle zurück. 1956 stand das finale Rezept, bis heute Prototyp des Stils. Mit 8-9,5 % Vol. ein ziemlicher Hammer. Die Steigerung dessen bekam in den 1990ern den Namen Quadrupel. Im Kloster Onze Lieve Vrouw van Koningshoeven in Berkel-Enschot in den Niederlanden wurde unter der Biermarke La Trappe das erst sogenannte Quadrupel gebraut – mit 10 % Vol.

Lambic, Kriek, Faro

In Belgien haben saure Biere Tradition. Das Lambic gilt als der vielleicht anspruchsvollste und komplexeste Bierstil der Welt. Im Grunde sprechen wir hier von einem spontan vergorenen Weizenbier, wobei aber eine Besonderheit in Abgrenzung zum deutschen Weizenbier darin liegt, dass der belgische Brauer „Rohfrucht“, also unvermälzten Weizen, verwendet. Nach dem Brauen werden Lambics traditionell in ein Kühlschiff (koelschip) gegossen, eine große, flache Wanne meist im Dachgeschoss der Brauerei, in der Sud möglichst schnell abkühlen sollte, ehe er in den Gärtank gefüllt wird. Früher hatten auch deutsche Brauereien Kühlschiffe, allerdings wurden die durch Plattenkühler ersetzt, weil die Gefahr besteht, dass die Würze sich, wenn sie offen herumsteht, Infektionen durch Bakterien oder wilde Hefen einfängt. Genau das aber will der Lambic-Brauer. Er setzt auf Spontangärung, darauf also, dass seine Würze ohne das menschliche Zutun anfängt zu gären. Oft stehen dafür in den Kühlschiffen belgischer Traditionsbrauereien die Fenster offen, werden Moos und Spinnweben an der Decke niemals entfernt – denn überall darin verstecken sich genau jene „wilden Hefen“, die den Geschmack der Biere dieses Hauses prägen. Danach gärt Lambic über Wochen in offen Gärbottichen, ehe eine teils Jahre dauernde Lagerzeit beginnt. Manchmal kommen Früchte wie Himbeeren, Pfirsich oder Kirschen in den Gärbottich. Generell spricht man dann von Fruchtlambics, die Kirschvariante als die vielleicht populärste, hat einen eigenen Namen bekommen: das Kriek. Eine weitere Unterart des Lambic ist das Faro, ein junges Lambic, das mit Kandiszucker versetzt wird. Zu den bekanntesten Lambic-Brauereien gehören die Brassereie Cantillon in Anderlecht sowie die Brouwerij Drie Fonteinen.

Gueuze

Oft sind Lambics extreme Biere, sehr sauer, sehr harsch, manche sprechen gar von „animalischen“, „stallartigen“ Aromen. Das ist auch der Grund, warum Lambics nicht selten verschnitten werden. Jüngere Biere (bis etwa zwei Jahre) mit älteren (drei, vier oder gar fünf Jahre) gemischt, ergeben zugänglichere, trinkbare Biere – die Gueuze. Die noch nicht vergorenen Restzucker in den jungen Lambics verleihen der Gueuze eine angenehme Fruchtigkeit. Der vielleicht berühmteste gueuzier ist Frank Boon. Seine Boon Oude Geuze Mariage Parfait hat (nicht nur) unter Sauerbierfans Weltruhm.

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