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DR. MED. LIESELOTTE SIMON-STOLZ

Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin, zertifizierte Kinderschutzmedizinerin (DGKiM)

Schreibaby

Was Sie bei Dreimonatskoliken tun können

Auch bei sehr fürsorglichen und einfühlsamen Eltern ist es völlig normal, dass ein Baby schreit. Doch sehr häufiges und intensives Schreien in den ersten Lebensmonaten kann jede Familie an ihre Belastungsgrenze bringen. Was Kind und Eltern hilft, weiß Kinderärztin Dr. med. Lieselotte Simon-Stolz.

Eltern mit einem schreienden Baby

Das Syndrom des Schreibabys ist uns Kinder- und JugendärztInnen hinlänglich bekannt. Man nennt so die Säuglinge, die in den ersten Lebensmonaten unerklärlich quengeln, stundenlang schreien, enorme Ein- und Durchschlafstörungen zeigen, sich nicht füttern lassen usw. Besorgte oder sogar verzweifelte Eltern gehören zum Alltag einer kinder- und jugendärztlichen Praxis. Nicht selten kommen verzweifelte Eltern mit ihrem schreienden Säugling akut in die Notaufnahme eines Krankenhauses oder in den kinderärztlichen Notdienst. Häufig werden bei dieser Vorstellung keine ernsten körperlichen Auffälligkeiten festgestellt, trotzdem müssen die belasteten Eltern ernst genommen werden.

Was ist „normal“?

Schreien ist eine wesentliche und lebensnotwendige Lautäußerung des jungen Säuglings, um auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Das kann – je nach Temperament – von Kind zu Kind sehr unterschiedlich sein.

Das Baby schreit in den ersten Monaten, weil

  • es hungrig oder müde ist und nicht zur Ruhe findet
  • es eine frische Windel braucht
  • es Zuwendung möchte
  • es zu wenig Anregung hat und ihm langweilig ist
  • es überfordert ist und zu wenig Schlaf hat
  • es sich körperlich unwohl fühlt und ihm vielleicht etwas weh tut – das sollte natürlich kinderärztlich abgeklärt werden

In der Regel lernen Eltern mit der Zeit, die verschiedenen Schreiarten zu unterscheiden, angemessen darauf zu reagieren und ihr Baby zu beruhigen.

Eine Mutter mit einem schreienden Baby

Wenn Babys ohne ersichtlichen Grund schreien

Laut empirischen Untersuchungen leiden ca. ein Viertel aller gesunden Säuglinge in den ersten Lebenswochen unter anfallsartigen Episoden von unstillbarem Schreien und Quengeln ohne erkennbaren Grund. Die typischen Begleitsymptome – geblähter Bauch, Anziehen der Beinchen, Überstrecken von Kopf und Rumpf, hochroter Kopf und hohe Schreiintensität – lassen an akute Schmerzen im Magen-Darm-Bereich denken. Das ist der Grund, warum man bei diesen Babys auch so oft von den sogenannten „Dreimonatskoliken“ spricht.

Welche Ursachen werden vermutet?

Eine Beruhigung durch die Eltern gelingt trotz intensiver Bemühungen häufig nicht. Unsere Erfahrung als Kinder-und JugendärztInnen zeigt, dass die Eltern (und Oma, Tante, Freundin und auch „Fachleute“) häufig von unangemessenen Ursachenzuschreibungen ausgehen: Blähungen, Bauchweh, Stuhlprobleme, Zahnen usw. oder keine Erklärung haben, warum das Baby so viel quengelt und schreit. Das und die vielen gutgemeinten unterschiedlichen Ratschläge verunsichern die Eltern sehr. Sie berichten immer wieder, dass Behandlungsmaßnahmen, die auf den Magen oder den Darm ausgerichtet sind (Nahrungswechsel, Kräutertee, entblähende Tropfen, Wärme, Massagen, Homöopathika usw.) entweder nur kurzfristige Linderung bringen oder erfolglos sind.

Nur bei ca. 10 % der Schreibabys kann tatsächlich eine greifbare Ursache des Schreiens und Quengelns gefunden werden (Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Säurerückfluss, „kopfgelenkinduzierte Störungen“ usw.).

Ist mein Kind ein Schreibaby?

Babys schreien auch ohne erkennbaren Grund, je nach Temperament auch lang und ausdauernd. Vermehrtes Schreien und Unruhe beginnt typischerweise in der 1. bis 2. Lebenswoche, tritt vor allem in den Abendstunden auf (zwischen 18 und 24 Uhr) und wird nachts deutlich weniger. Am stärksten sind die Beschwerden zwischen der 4. und 6. Lebenswoche und lassen in der Regel schlagartig um den 3. Lebensmonat nach; gelegentlich können sie auch länger bestehen bleiben.

Ein Vater mit einem schreienden Baby

Das Hauptproblem dieser Kinder liegt in ihrer Unfähigkeit, abzuschalten und sich selbst zu beruhigen.

Klinische Beobachtungen zeigen, dass bei unstillbar schreienden Babys sehr häufig Störungen der Schlaf-Wach-Regulation die Ursache sind:

  • Die Babys schlafen weniger, die Schlafzeiten sind insgesamt kürzer.
  • Sie haben deutliche Probleme einzuschlafen und brauchen dabei intensive elterliche Unterstützung.
  • Der Schlaf ist häufig unruhiger, leichter störbar und möglicherweise auch weniger erholsam.

Wach sind diese Babys häufig unruhig, schreckhaft, leicht irritierbar, geräuschempfindlich und wenig berechenbar in ihrem Verhalten. Sie lehnen ganz häufig die waagerechte Lagerung in Rücken- und Bauchlage ab und verbringen einen Großteil ihrer Wachphasen auf dem Arm oder im Tragetuch in senkrechter Position.

Gleichzeitig berichten die Eltern sehr häufig, dass diese Babys sehr „reizhungrig“ sind. Mit Hilfe eines ständigen Wechsels von Herumtragen, Schaukeln, Hüpfen, lauten Geräuschen (Fön, Staubsauger, Wäscheschleuder) oder stundenlangem Fahren im Auto sind sie eine Zeit lang zu beruhigen. Dieses verleitet die Eltern oft zu den ausgefallensten Beruhigungsstrategien; allerdings führt das oft zu einer noch stärkeren Überreizung und mündet schließlich in einem Teufelskreis.

Die Anforderungen an die Eltern beim Beruhigen, Füttern und Schlafenlegen sind dadurch enorm. Verunsicherung, Versagensgefühle und schwere Erschöpfungszustände sind bei den betroffenen Eltern nicht selten. Das Verhältnis zum Kind kann dadurch gestört oder sogar beschädigt werden. Daher ist es wichtig, sich Hilfe zu suchen, wenn das Baby ständig schreit.

Gut zu wissen:

  • Mit Weinen oder Schreien will das Baby Mama und Papa nicht zu einem bestimmten Verhalten „zwingen“.
  • Gerade in den ersten Monaten ist Schreien ein Zeichen, dass das Baby aktuell stark erregt ist. Das Baby braucht in diesem Moment die Unterstützung durch Mama, Papa oder eine andere wichtige Bezugsperson, um sich zu beruhigen. Wichtig: Damit „verwöhnen“ Sie das Baby nicht!
  • Babys lernen dann sich selbst zu beruhigen, wenn sie von Mama oder Papa beruhigt werden. Die Erfahrung zeigt, dass die Säuglinge, die von Anfang an rasch beruhigt werden, in den kommenden Wochen weniger schreien.
  • Erst mit etwa einem halben Jahr kann durch zu schnelles und zu häufiges Eingehen auf das Schreien eine Gewöhnung eintreten, die zu vermehrtem Schreien führt.

Kinderärztlich sollten körperliche Ursachen des Schreiens auf jeden Fall durch eine gründliche Untersuchung ausgeschlossen werden. Zur Untersuchung gehört auch, nach der Situation zu Hause zu fragen – vor allem nach Stress, Belastungen und Entlastungsmöglichkeiten. Eventuell kann dann sogar ein Krankenhausaufenthalt von Mutter/Vater und Kind eine sinnvolle Maßnahme sein, um eine kurzfristige Entlastung zu bringen und in Ruhe und mit Distanz notwendige Untersuchungen durchzuführen, das weitere Vorgehen zu besprechen und evtl. erforderliche Maßnahmen einzuleiten.

Eine Mutter mit einem schreienden Baby

Was können Eltern tun?

Es gibt kein Patentrezept für Beruhigungs- und Einschlafhilfen bei unstillbar schreienden Säuglingen. Es gibt aber ein paar „Goldene Regeln zur Unterstützung eines guten Schlaf-Wach-Rhythmus“ (modifiziert nach Papousek 2005):

  • Wann immer möglich: Gehen Sie ruhig, sanft und ohne Hektik vor
  • Gewöhnen Sie Ihr Baby an einen regelmäßen Tagesablauf und an bestimmte Routinen und Rituale. Ein regelmäßiger Tagesablauf bedeutet für Babys beispielsweise eine immer gleiche, wiederkehrende Abfolge von Schlaf-Füttern-Wach-Schlaf.
  • Beobachten Sie Ihr Kind und gehen Sie auf die Signale ein, die es Ihnen gibt (Aufnahmebereitschaft, Hunger, Ermüdung, Belastung, Überreizung...)
  • Nutzen Sie die Wachphasen, zum Beispiel für entspannte Zwiegespräche, Spielchen oder andere Anregungen
  • Vermeiden Sie dabei Überreizung und überstimulierende Beruhigungsstrategien und schütteln Sie Ihr Baby niemals!!!
  • Vermeiden Sie Übermüdung: Ermöglichen Sie Ihrem Baby Schlaf- und Ruhephasen bei den ersten Anzeichen von Müdigkeit, damit Ihr Baby ausreichend Tagschlafphasen erhält
  • Vermindern Sie Reize vor dem Einschlafen durch Abdunkeln, sanfte Musik oder sanftes Summen, Wiegen etc.
  • Suchen Sie sich eine Beruhigungsstrategie aus und behalten Sie diese konsequent bei, immer wieder das Gleiche
  • Kritische Schreistunden am Abend können vor allem anfangs noch überbrückt werden, z. B. durch Spazierengehen mit Tragetuch oder im Kinderwagen

Und die wichtigste Regel:

Sie brauchen regelmäßig eine Auszeit. Mutter und Vater sollten sich regelmäßig in der Betreuung abwechseln. Andere Betreuungspersonen (Oma/Opa, Freunde, Nachbarn…) können Sie für Stunden ebenfalls entlasten.

Tipps für Eltern für ein gutes „Handling“

Durch Ihr „Handling“, also die Art und Weise, wie Sie Ihr Kind halten, tragen oder hinlegen, können Sie ihm helfen, besser mit seiner körperlichen „Unreife“ zurechtzukommen:

  • Am Körper Halt, Nähe und Sicherheit vermitteln.
  • Bei jedem Tun am Baby (Baden, Füttern, Anziehen, Hochnehmen) mit dem Baby Kontakt aufnehmen, abhängig von seiner Aufnahmebereitschaft mit ihm sprechen und Blickkontakt suchen
  • Stabilisieren des Köpfchens beim Hochnehmen oder Ablegen; nehmen Sie das Baby in leichter Seitenlage aus dem Liegen hoch
  • Legen Sie Ihr Baby im ausgeschlafenen und gesättigten Zustand möglichst regelmäßig auf eine feste Unterlage (z. B. Decke auf den Boden), um es auch an das – für die motorische Entwicklung wichtige – stabile Liegen in Rücken- und Bauchlage zu gewöhnen. Von daher möglichst auch kein 24stündiges Herumtragen im Tragetuch!
  • Wenn das Baby das Hinlegen zunächst ablehnt, legen oder setzen Sie sich zu ihm, spielen Sie mit ihm. Nutzen Sie die Zeit für intensive Zwiegespräche, Fingerspiele, Streicheln oder Körpermassage.
  • Geben Sie dem Baby auch Gelegenheit, sich mit sich selbst zu beschäftigen (z. B. mit seinen Händchen zu spielen oder daran zu saugen, seine Füßchen zu entdecken usw.).
  • Wenn das Baby heftig schreit und „außer sich“ ist, kann es hilfreich sein, es aus der Überstreckung in eine gebeugte Position zu bringen und ihm körperliche Stabilität durch Begrenzung zu geben (auf dem Arm, mit beiden Händen halten, Einwickeln in eine Decke usw.).

Und was tun, wenn das alles nicht hilft und es nicht aufhört?

Sprechen Sie unbedingt mit Ihrer Kinder- und Jugendärztin, Ihrem Kinder- und Jugendarzt, Ihrer Hebamme. Suchen Sie sich rechtzeitig professionelle Hilfe, wenn Sie das Gefühl haben, Sie verkraften das Schreien nicht mehr.

In vielen Orten gibt es besondere Anlaufstellen, sogenannte Schreiambulanzen und Beratungsstellen für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, die Ihnen Beratung und Hilfe anbieten können.

Unsere Gesundheitskooperation

Autor
DR. MED. LIESELOTTE SIMON-STOLZ

Dr. med. Lieselotte Simon-Stolz ist Ärztin für Kinder- und Jugendmedizin, zertifizierte Kinderschutzmedizinerin (DGKiM). Von 1986 bis Ende 2007 war sie als niedergelassene Ärztin in einer kinder- und jugendärztlichen Gemeinschaftspraxis in Neunkirchen tätig, mit mehrjähriger Erfahrung in Eltern-Kleinkind-Säugling-Beratung. Von 2008 bis 2018 arbeitete sie als Koordinatorin für Frühe Hilfen am Kreisgesundheitsamt in Neunkirchen und war ärztliche Mitarbeiterin der Frühförderstelle im LK Neunkirchen. Seit 2018 ist sie im Ruhestand. Weiterhin hat sie Erfahrung in ehrenamtlichen Tätigkeiten im medizinischen Kinderschutz, u. a. als Leiterin des AK Prävention der Deutschen Gesellschaft Kinderschutz in der Medizin (DGKiM).

KVS und Globus Gesundheitskooperation

Kassenärztliche Vereinigung Saarland

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Gesundheitskooperation zwischen der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland und Globus entstanden. Jeden Monat finden Sie als Weltentdecker unter der Rubrik "Gesundheit & Ernährung" einen aktuellen Beitrag von Fachärzten zu relevanten Themen rund um die Gesundheit Ihres Kindes.

Weitere Gesundheitsinformationen finden Sie direkt bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

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